Samstag, 26. Februar 2011

Geschichten aus einem fernen Königreich.

In einem mal wieder wunderbaren Artikel beschreibt Robert Fisk das, was derzeit im Nahen Osten vor sich geht, als die erschütterndste, lebhafteste und gleichzeitig (für den Außenstehenden) lähmendste Zeit seit dem Osmanischen Reich. „Schock und Ehrfurcht“ seien die richtigen Worte, meint er.
Und neben den inzwischen seit Wochen anhaltenden revolutionären Bewegungen und Unruhen blickt Fisk in seinem Text auch auf Saudi Arabien
Ich selbst schaue auch nach Saudi Arabien. Da lebt meine arabische Familie, Onkel, Tanten, jede Menge Cousinen und Cousins, mit vielen haben wir engen Kontakt.
Und ich bin wirklich furchtbar neugierig, was sie dort von den Ereignissen in Nahost (Fußnote: Lieber Spiegel Online, ES GIBT KEIN LAND, DAS ARABIEN HEISST!!!! Das ist der Nahe Osten!! Ich wäre sehr dankbar, wenn man im 21. Jahrhundert nicht mehr über diese orientalistischen Termini stolpern würde. Danke.) - also, von den Ereignissen in Nahost halten, was sie davon überhaupt mitbekommen, wie die Weltlage überhaupt dort rezipiert wird.
Aber mit Saudis über Politik reden, das ist schwer. Zum einen natürlich, weil in einem Land, in dem eine absolute Monarchie regiert, auch strengste Zensur und damit keinerlei Debattenkultur herrscht. Denn Diskutieren will ja auch gelernt sein. Unterhaltungen über Themen wie zum Beispiel das Fahrverbot für Frauen verlaufen dann meistens so:
Ich: „Aber wieso dürfen Frauen denn bei euch immer noch nicht Auto fahren?“
Cousine: „Das steht so im Gesetz. Sie wollten es schon vor einer Weile ändern, aber bis jetzt ist noch nichts passiert.“
Ich (schon leicht rot angelaufen): „Aber das geht doch nicht! Da müsst ihr doch was gegen unternehmen! Aus welchem Grund sollten Frauen nicht fahren dürfen?!“
Cousine (stoisch): „Vielleicht ändern sie es ja dieses Jahr.“
Und so wird es jedem gehen, der einmal versucht hat, mit einem Saudi über soziale oder politische Gegebenheiten in dem Land zu diskutieren. Stoisch wird mit den Schultern gezuckt (stoisch, oder doch phlegmatisch …), nein, es ist besser, wenn man sich nicht einmischt, das bringt nur Unbequemes mit sich. Außerdem, und das darf man natürlich nicht außer acht lassen, darf man ja seine Meinung gar nicht sagen. Auf freie öffentliche Meinungsäußerung stehen Geld- und Gefängnisstrafen.

Und bequem hat es trotz eiserner Monarchie ein Großteil der Bevölkerung noch immer. Dem sehr beliebten König Abdallah gelingt es (noch), durch sein Weihnachtsmann-Regime mittels Geld zumindest provisorisch die Wunden der saudischen Gesellschaft zu verarzten. Erst in der vergangenen Woche hat der König nach dreimonatiger Abwesenheit wegen medizinischer Behandlung in den USA sein Volk anlässlich seiner Rückkehr mit einer ziemlich großen Summe bedacht. „Ein Geschenk an das Volk“ sei das, und solle soziale Maßnahmen wie zum Beispiel Arbeitslosenversorgung, Wohnungsbau und Ausbildung investiert werden.

Doch unter der Oberfläche brodelt es schon seit einer Weile. Bevölkerungswachstum und damit einhergehende Arbeitslosigkeit und Armut gehen auch an einem der reichsten Länder der Erde nicht vorbei. Erst vor wenigen Wochen haben hunderte Männer still in der Hauptstadt Riyadh protestiert. Denn 2011 ist schon das zweite Jahr in Folge, in dem das ganze Land durch massive Regenfälle nahezu zum Stillstand gekommen ist. Mangelnde Bauweisen und eine nahezu nicht vorhandene Kanalisation führten zu schlimmen Überschwemmungen und Schäden an Häusern und Straßen. Menschen konnten nicht zur Arbeit oder aus ihren Büros, Schulen oder Universitäten, sie übernachteten tagelang in Hörsälen und Krankenhäusern. Nachdem die Überschwemmungen schon im letzten Jahr mehrere Tote gefordert haben, hatte das Königshaus zugesagt, in Straßen- und Kanalbau zu investieren und Schäden zu beheben. Es geschah nichts, und die Szenen von 2010 wiederholten sich.
Sowohl westliche und arabische Journalisten wie auch Blogger aus Saudi Arabien selbst fragen sich, wie groß das revolutionäre Potential im Magischen Königreich wirklich ist, und wirken allesamt unsicher. Klar scheint allen zu sein, dass das Erdbeben, das den Nahen Osten erfasst hat, auch an Saudi Arabien nicht spurlos vorbei gehen kann und wird. Doch eine so wuchtige „Thaura“ wie in Ägypten, die erwartet wohl keiner auf den Straßen von Jeddah oder Riyadh. Doch das Königreich ist zu komplex, zu kompliziert sind die Machtstrukturen des Hauses Sauds mit dem Rest der Welt, als dass sich eine halbwegs zuverlässige Prognose abgeben ließe.

Natürlich spielt Öl eine große Rolle, und Amerika und Europa und allerlei internationale diplomatische Verstrickungen. Davon verstehe ich aber nicht viel, vor allem nicht von Öl. Aber ich weiß, dass die Saudis ihren König im Allgemeinen und diesen König im Besonderen sehr respektieren und auch verehren. Das Volk ist konservativ, nicht nur was seine Auslegung des Islam angeht, sondern auch und vor allem in seinen Werten und Vorstellungen. Sie halten den König für weise und für den Mann, der schon am besten wissen wird, was gut ist für sein Volk. Viele fürchten, wer oder was auf den sehr modern eingestellten Abdallah folgen wird. Und so lange noch genug Geld für die ein oder andere Finanzspritze da ist, werden sich wohl die kleineren Proteste schnell zum Schweigen bringen lassen.
Schwierig wird es erst, wenn das mal nicht mehr geht, oder wenn der über 80-jährige König einem vielleicht weniger großzügigen Herrscher Platz machen muss.
Sollte Abdallah nicht jetzt schon, im Zuge dieses Panarabischen Frühlings, anfangen, sein junges Volk (über 40% sind unter Dreißig) in Richtung Demokratie zu erziehen? Könnte man als erste Maßnahmen die Zensur lockern, öffentliche Debatten erlauben und sogar fördern, ebenso wie die Formierung von politischen Parteien erlauben, sodass, wenn es – in vermutlich nicht allzu ferner Zukunft – zu einem Wechsel an der Spitze des Königreiches kommt, das Volk umgehen kann mit einer vielleicht etwas längeren Leine? Oder sind diese Ideen und Ansätze zu humanistisch, zu demokratisch? Wann weiß man, wann ein Volk reif ist für Demokratie? Bei uns hat es mehr als hundert Jahre gebraucht von den ersten Ansätzen bis zu einer voll funktionsfähigen Republik.

Was zur Zeit im Nahen Osten vor sich geht, ist vermutlich die spannendste, weitreichendste politische Entwicklung seit dem Ende des kalten Krieges. Was seit ein paar Wochen in Nordafrika und im arabischen Mittelmeerraum geschieht, wird die Welt verändern, das ist inzwischen keine Neuigkeit mehr. Dass Saudi Arabien dabei eine zentrale Rolle spielen wird, auch nicht. Umso spannender wird es sein, sich weitreichender und tiefer mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wüstenreich zu beschäftigen.
Als (zugegeben sehr weiten) Bogen kann ich hier allen Interessierten noch einmal Robert Fisk ans Herz legen, und sein Opus Magnum, „The great war for civilisation“, dass es leider und wie ich finde, völlig unverständlicherweise bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht sollte ich mich mal an die Arbeit machen ….  

Kommentare:

  1. Danke für deine Einsichten. Es hat mich schon lange interessiert zu wissen, wie "normale" Saudis über die Situation in ihrem Land denken, und sonst höre ich nur die Meinungen von ehemaligen Expats. Da ist es also schon spannend zu lesen, wie deine Cousine damit umgeht, zum Beispiel.

    Interessant finde ich auch, dass du schreibst: "Das Volk ist konservativ..." - ist die Bevölkerung tatsächlich so regimekonform, dass man verallgemeinern kann? Verstehe mich nicht falsch, das ist eine ernstgemeinte Frage.

    Grüße

    Katy

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  2. Selbstverständlich will ich nicht ein ganzes Volk von knapp 27Mio Menschen über einen Kamm scheren :) Aber ich denke schon, dass man ohne schlechtes Gewissen behaupten kann, dass die Saudis im Allgemeinen ein eher konservatives Volk sind - das meine ich gar nicht nur und unbedingt im Bezug auf die Religion, sondern vor allem auf gesellschaftliche Werte; traditionelle Geschlechterrollen werden selbst in jungen Familien oder in der "Oberschicht" sehr selbstverständlich eingehalten. Ehe und Familie steht an allererster Stelle, Traditionen werden mit viel Bedacht eingehalten, und geistig bewegen sich wenige (soweit ich das beurteilen kann) gern über die bekannten Grenzen hinaus.
    Das Paradoxe an diesem Land ist ja vor allem, das insbesondere der reichen Oberschicht alles und noch viel mehr zur Verfügung steht, das wir auch haben: Konsum, Medien, Reisen - aber trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) an diesen alten, als sicher und bewährt geltenden Systemen festgehalten wird.
    Was ich von meiner Familie und vielen anderen Bekannten dort immer wieder höre, ist: Am besten bleibt man bei seinem Kram und mischt sich nicht ein.
    Man könnte und sollte darüber noch viel mehr schreiben und nachdenken ...

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