Alle Augen nach Kairo, die Revolution geht weiter, hat nie aufgehört, und erreicht heute einen weiteren, recht absurden Höhepunkt.
Am Freitag hatten sich hunderttausende Menschen wieder auf dem Midan al-Tahrir versammelt, um ihre Rechte einzufordern. Zuvor machten immer häufiger Gerüchte die Runde, das Interims-Militärregime würde Anhänger der Revolution festnehmen, foltern und in geheimen Militärtribunalen verurteilen.
Außerdem fordern die Demonstranten, dass dem ehemaligen Präsidenten Mubarak und seinen Ministern und Generälen der Prozess gemacht und dass Ermittlungen über Mubaraks Vermögen in die Wege geleitet werden.
Bei den Protesten ist es zu schlimmen Ausschreitungen gekommen, viele wurden verletzt, zwei starben.
Heute dann die große Überraschung. Gegen 15 Uhr unserer Zeit kursierten auf einmal Gerüchte auf Facebook und Twitter, Mubarak würde sich in einer Rede auf dem Sender Al Arabiya an die Nation wenden.
Und tatsächlich konnte ich die ganze Zeit über keinen Live Stream starten, weil der Server des Senders scheinbar komplett überlastet war. Aber die Rede wurde (offenbar vom Band kommend), tatsächlich ausgestrahlt, wie mir Freunde in Kairo berichteten, und wenig später konnte man sie dann auch auf der Seite des Senders lesen. Leider (bislang) nur auf Arabisch.
In seiner Rede sprach Mubarak das Volk immer noch als "seine Ägypterinnen und Ägypter" an, drückte sein nachhaltiges Bedauern über die Situation aus, er sei noch immer tief traurig und verletzt, dass sein Land ihm nicht mehr vertraut habe, wünsche dem Volk aber auf seinem weiteren Weg viel Glück.
Doch die "Unterstellungen und Gerüchte", er habe Geld unterschlagen, Menschen gefoltert und die Gesetzte verletzt, all das mache ihm Kummer und er weise solche Vorwürfe entschieden zurück.
Er habe immer nur das Beste für sein Land gewollt und ihm 30 Jahre lang gedient.
Ferner verspricht er, sowohl seine finanzielle Situation offen zu legen und den Behörden jegliche Kooperation zuzusagen, um Ermittlungen zu erleichtern. Er habe ein reines Gewissen und wolle die Anschuldigungen "ausländischer Medien" lügen strafen.
Kurz darauf kursierten bei Twitter unter dem Hashtag #Mubarakspeech schon hunderte disillusionierte, wütende und kämpferische Ansagen. Niemand glaubt diesem Mann ein Wort, und seine Worte werden, so schätze ich das ein, nur Wasser auf den Mühlen der jungen Leute auf der Straße sein. Sie werden weiter auf die Straßen und Plätze gehen. Die Rede war zynisch und herablassend, genau wie die letzten beiden Reden seiner Amtszeit. Mubarak wiegelt die Menschen noch aus seiner Altenresidenz/ Luxusexil auf. Gut gehen kann das nicht. Die Frage ist ja auch, warum der vor ziemlich genau 2 Monaten (ja, es ist wirklich schon so lange her!) abgesetzte Präsident immer noch die Möglichkeit von einem TV-Sender bekommt, Ansprachen ans Volk zu halten, als sei er noch Staatsoberhaupt und er wollte nur Neujahrsgrüße übermitteln. Die ägyptische Demokratiebewegung wird jetzt erst in die richtig anstrengende Phase gehen, und ein sehr entscheidender Punkt, von dem ich in den letzten Wochen immer wieder gesprochen habe, ist, freie und unabhängige Medien aufzubauen und den Menschen zur Verfügung zu stellen. Journalisten müssen erstmal lernen, wie sie kritisch berichten, Hörer, Leser und Zuschauer müssen lernen, differenziert die Nachrichten zu konsumieren und damit umzugehen. Auch dafür steht diese Mubarak-Rede: Die Medien in Ägypten sind noch zu sehr verbunden mit den alten Strukturen. Das muss aufbrechen!
Spannend wird außerdem, ob man dem Mann wirklich in absehbarer Zeit, wenn überhaupt jemals, den Prozess machen wird.
Und nur am Rande bemerkt - in den deutschen Medien habe ich zumindest bislang MAL WIEDER nichts über diese Rede gelesen, so wie überhaupt Ägypten in den letzten Wochen zunehmend aus den Nachrichten verschwunden ist. Nun denn - diese neue Mubarak-Rede könnte ein neuer Stein des Anstoßes werden!!
Der Blogger Sandymonkey hat - wie schon seit Monaten - eine sehr gute Einschätzung zur derzeitigen Situation in Ägypten gepostet - bin mal gespannt, was er zu der Rede schreiben wird!
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Sonntag, 10. April 2011
Freitag, 11. Februar 2011
Hollywood? Oder doch noch Revolution?
Eigentlich hatte ich gestern vor, hier endlich mal wieder etwas zu schreiben, dass nichts mit der Situation in Ägypten zu tun hat. Immerhin bin ich ja hier kein Nachrichtenticker, und inzwischen kann man sich ja sogar in deutschsprachigen Medien ganz gut informieren. Auch wenn ich weiterhin eher AlJazeera English, BBC, CNN und dem Guardian vertraue, kann man bei der Süddeutschen, Spiegel Online, der taz und sogar bei der verschnarchten ARD gute Dinge lesen.
Außerdem hätte ich gestern sogar einen aktuellen, persönlichen und freudigen Anlass gehabt, hier eine schöne Geschichte zu schreiben. Eine meiner Lieblingscousinen in Saudi Arabien hat nämlich gestern geheiratet, und ich hätte gern bei dieser Gelegenheit meine Erlebnisse bei der letzten saudischen Hochzeit, die ich im Oktober 2010 besucht habe, hier mit euch geteilt. Naja, beim nächsten Mal.
Außerdem hätte ich gestern sogar einen aktuellen, persönlichen und freudigen Anlass gehabt, hier eine schöne Geschichte zu schreiben. Eine meiner Lieblingscousinen in Saudi Arabien hat nämlich gestern geheiratet, und ich hätte gern bei dieser Gelegenheit meine Erlebnisse bei der letzten saudischen Hochzeit, die ich im Oktober 2010 besucht habe, hier mit euch geteilt. Naja, beim nächsten Mal.
Aber dann hing ich doch wieder bis um ein Uhr in der Nacht vor dem AlJazeera Livestream und habe Cairo geguckt. Inzwischen muss man sich ja fragen, ob da nicht vielleicht Hollywood seine Finger im Spiel hat und den Menschen eine riesige Tragikomödie mit echten Darstellern bietet. So wie bei Wag the Dog, dem Film, der weltpolitischen Zynismus so furios in Szene setzt.
Seit den frühen Abendstunden hatte man also gestern darauf gewartet, dass Präsident Mubarak zu seinem Volk spricht. „All eure Forderungen werden erfüllt werden“, sagte ein Armeesprecher in einer TV-Ansprache. Überall las und hörte man plötzlich, dass sich Rücktrittshinweise verdichten sollten, Obama gab sich euphorisch, die Leute im Tahrir versammelten sich in Riesenmengen, um die größte Party in der Geschichte des Nahen Ostens zu feiern.
Und dann das. Um ca. 22 Uhr unserer Zeit tritt der Tattergreis vor die Kameras und gibt erneut den enttäuschten Vater, wiederholt im Grunde fast wörtlich, was er in seiner letzten Rede gesagt hat, mit kleinen Abweichungen. Schon nach den ersten Minuten der Rede, in denen klar wurde, hier spricht nicht einer, der sich gleich ins Flugzeug nach Dubai setzt und sich auf nimmer Wiedersehen verabschiedet, wurden die Pfiffe, Buh-Rufe und wütende Parolen auf dem Tahrir immer lauter. Die Leute sind nun unfassbar und zu Recht und verständlicherweise wütend. Man fragt sich wirklich, wie verblendet Präsident und sein Vize Omar Suleiman, der kurz darauf vor die Kameras trat, sein müssen. Den Menschen jetzt, zu diesem Zeitpunkt zu sagen: „Geht nach Hause, geht an die Arbeit, das Land braucht euch“ ?? Man fragt sich auch, wer hat diese Rede geschrieben.
Heute also geht der Protest weiter, in seinen 17. Tag, und es sollen mehr Leute werden denn je. Mir persönlich macht das große Angst. Das kann ja nur in einer Katastrophe enden. Wenn heute wieder hunderttausende Menschen in Cairo Downtown ihre Rechte fordern und Mubaraks Sturz herbei wünschen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es zu noch mehr und noch schlimmerer Gewalt kommt als nach Mubaraks letzter Ansprache. Er wird dann seinen internationalen Kritikern zurufen: „Was wollt ihr denn, ich habe doch Zugeständnisse gemacht! Die Leute sind irrational, von internationalen Medien verblendet und wollen nicht auf ihren Übervater hören. Da hilft nur die Peitsche!“ Außerdem, und das hat er ja gestern klar gemacht, lässt er sich sowieso von niemandem etwas sagen. Weder von außenstehenden Mächten, noch von seinem Volk, wie's scheint.
Er wird bleiben, bis er das Drehbuch für eine weitere gefälschte Wahl im September fertig gebastelt und die Regierungsverantwortung seinen Zöglingen übergeben hat, und er wird auf ägyptischem Boden sterben. Als alter Militärmann ist es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass er diesen seinen Entschluss immer wieder betont. Aber das Ausmaß von Sturheit, das diese Männer gestern einmal mehr an den Tag gelegt haben, das wird ab heute immer gefährlicher. Den Demonstranten bleiben ja nicht mehr viele Möglichkeiten. Das Staatsfernsehen sollten sie besetzten, schrieb gestern jemand auf Facebook. Mit einem gecharterten Helikopter auf dem Dach landen und so die Sicherheitskräfte vor den Toren umgehen. Schöne Idee. Ich sag ja – Hollywood.
Es kann eigentlich nur noch das Militär entscheiden. Das Militär, das ohnehin seit Wochen Puffer und Zünglein an der Waage ist.
Es bleibt zu hoffe, und mehr als hoffen kann ich nicht, dass alles doch noch gut ausgeht. Wer hat den längeren Atem, wer sitzt am längeren Hebel?
Dienstag, 8. Februar 2011
Happy Birthday, Revolution
Vor genau zwei Wochen, am 25. Januar, begannen die Proteste in Kairo, und seither habe ich fast ununterbrochen am Computer geklebt, um die Ereignisse so gut es ging zu verfolgen. Das war und ist nicht immer ganz einfach, zum einen wegen der schon erwähnten verschlafenen deutschen Medien, zum anderen wegen der zeitweise abgeschnittenen Internet- und Telefonverbindungen in Ägypten. Tagelang habe ich keine Nachricht bekommen von Freunden vor Ort, erst seit Donnerstag habe ich inzwischen von den meisten gehört, dass es ihnen gut geht, habe gehört, wer an den Protesten teilgenommen hat und wie es inzwischen auf den Straßen aussieht. Schließlich musste ich mich zwingen, mich ein paar Tage vom Internet und dem Verfolgen der Nachrichten abzulenken, um ein bisschen Distanz aufbauen zu können. Die Bilder und Berichte hatten mich zu sehr mitgenommen.
Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und es ist Zeit für eine persönliche Zwischenbilanz.
Einerseits blutet mir das Herz, wenn ich sehe, dass die Straßen und Plätze, auf denen ich vor nur wenigen Monaten gelebt, gearbeitet und viel Zeit verbracht habe, nun umringt sind von Panzern, Militärs und teilweise schwer bewaffnete Menschen sich dort einfinden. Ich habe immer gern in Kairo gelebt, vor allem, weil ich mich nie unsicher oder bedroht gefühlt habe. Zum anderen aber rühren mich die Bilder und machen mich stolz, dieses Land und seine Leute, die so tapfer kämpfen, und sagen zu können, da sind auch meine Freunde dabei. Und am liebsten, das können sich einige sicher vorstellen, wäre ich selbst auch dabei!
Eine Frage, die ich in den letzten Tagen oft gestellt bekommen habe von Freunden, Verwandten und Lesern, ist: „Sag mal, war das wirklich so ein schlimmer Diktator? Das wusste ich gar nicht.“
Um es mit einem Wort zu sagen: Ja. Hosni Mubarak ist ein Despot, der um jeden Preis und mit allen Mitteln an seiner Macht schon seit Jahrzehnten festhält. Ägypten ist ein Land, in dem offiziell genauso viele Menschen leben wie in Deutschland, mindestens 60 % von ihnen können nicht lesen oder schreiben, eine offizielle Arbeitslosenzahl gibt es nicht, schätzungsweise haben 50% der arbeitsfähigen Menschen aber keine Jobs, und Bestechlichkeit in Behörden, Zensur und Folter sind im Land an der Tagesordnung. Das Durchschnittseinkommen liegt bei unter zehn Euro im Monat, die Lebenserhaltungskosten hingegen sind vor allem in den letzten drei bis vier Jahren in schwindelerregende Höhen geschossen. Eine demokratische, nicht gefälschte Wahl hat es unter Mubarak vermutlich nie gegeben, Grundrechte wie das Recht auf Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht sind mittels der Notstandsgesetze seit 30 Jahren außer Kraft gesetzt. Mit dieser Regelung hat es Mubarak geschafft, ein Land Jahrzehnte lang in Schreckstarre zu halten. Hinzu kommt die selbst für Kenner und sogenannte Experten undurchschaubare Organisation der staatlichen Sicherheitskräfte, der Polizei, des Militärs und des Geheimdienstes. Paul Amar hat auf Al Jadaliyya hierzu eine hervorragende Analyse geschrieben, die man bei der FAZ auch in deutscher Übersetzung lesen kann (Hurra! Endlich finden auch unsere Zeitungen die richtigen Quellen!).
Dass sich seit zwei Wochen hunderttausende von Menschen gegen diese Schreckstarre stemmen und die Notstandsgesetze außer Kraft setzen, ist schlicht überwältigend und spricht nur für den enormen Druck und das unbedingte Verlangen nach Freiheit, das diese Menschen seit 30 Jahren unterdrücken mussten.
Dass wir hier im Westen nicht so viel davon wissen – wen wundert's. Ist doch Ägypten für die meisten von uns nur Ziel für den Tauchurlaub im Sommer, und Kairo sieht man nur vom Bus aus, wenn man mit dem Reiseveranstalter die Pyramiden besucht. Die meisten schwärmen von den „freundlichen, herzlichen Menschen“, hin und wieder hört man auch von Touristenabzocke, aber das stört ja dann doch nicht, solange man so schön baden und urlauben kann. Wer kann sich schon mal mit einem Taxifahrer in Kairo unterhalten, mit einem Journalisten oder mit einer einfachen Geschäftsinhaberin? In meinen Monaten in Kairo habe ich viele schlimme Geschichten von diesen Menschen gehört, aber auch gesehen und gelernt, dass sie trotz ihrer Situation immer versuchen, herzlich und lebensfroh zu bleiben. Umso mehr sind sie mir ans Herz gewachsen und umso mehr fiebere ich jetzt mit ihnen, wenn sie die Dinge einfordern, die für uns hier draußen so selbstverständlich sind.
Inwieweit das gelingen wird, hängt, und das wird in den letzten Tagen bedrückend deutlich, auch und besonders vom Verhalten der Vereinten Nationen ab. Selbstverständlich werde ich mir nicht anmaßen zu behaupten, ich könne die komplexen diplomatischen Zusammenhänge verstehen, die mit so einem erzwungenen Regimewechsel einher gehen, vollständig verstehen. Und selbstverständlich ist es nicht damit getan, Despot und Pharao Mubarak in die Saudische Wüste zu schicken und das Volk dann sich selbst zu überlassen. Niemand möchte einen zweiten Irak. Aber die Zögerlichkeit, mit der die UN im Fall der ägyptischen Revolution agiert, ist geradezu beängstigend. Selten ist deutlicher geworden, welchen Preis sich die großen Mächte ihren Machterhalt willentlich und wissentlich kosten lassen. Zynische Weisheit nennt das der Philosoph Slavoj Zizek in seinem Beitrag zum Thema.
Was nun seit einigen Tagen in Kairo an den runden Tischen passiert, muss man mit Sorge und Vorsicht beobachten. Nicht, weil die ach-so-gefährlichen Muslimbrüder (buhuu, das Schreckgespenst der deutschen Presse!!) mit in die Verhandlungen eingestiegen sind. Nein, weil nun ein Mann die Verhandlungen leitet, den Mubarak selbst dorthin gesetzt hat. Mit Omar Suleiman führt ein ehemaliger Geheimdienstchef nun das Land in seine so ersehnte Post-Mubarak-Ära. Aber wie viel Mubarak, wie viel altes Regime bringt er mit? Wie wahrscheinlich ist es, dass unter der Führung eines solchen Mannes und Kabinetts, das ebenfalls voll ist von Mubaraks politischen Zöglingen, freie Wahlen stattfinden können, dass Folter und Zensur ein Ende haben werden? Sollte man sich nicht wundern, dass trotz des neu eingesetzten Parlaments und des neuen Vizepräsidenten, der de facto als agierender Präsident gilt, weiterhin Journalisten (internationale, sowie ägyptische) verschwinden oder festgenommen werden? Ebenso Aktivisten und Mitarbeiter von NGOs wie Human Rights Watch? Ein sehr beeindruckendes Interview hat der junge Wael Ghonim hierzu gegeben. Er war der Admin der Facebook-Gruppe „We are all Khaled Said“, und hatte als erstes zu den Protesten am 25. Januar aufgerufen. Ghonim ist kurz nach Beginn der Proteste festgenommen und erst heute wieder freigelassen worden.
Ich jedenfalls bleibe skeptisch und finde es viel bedenklicher, dass Merkel, Clinton und co mit den von Mubarak selbst eingesetzten Männern in Verhandlung treten, als wenn sie es mit den Muslimbrüdern täten.
Freitag, 4. Februar 2011
Nawal el-Sadawi bei den Protesten
Die Schriftstellerin und Aktivistin Nawal El-Sadawi, inzwischen ganze 80 Jahre alt, ist nicht bereit, sich vom korrupten Mubarak-Regime und seinen gekauften Schergen einschüchtern zu lassen. Eine beeindruckende, inspirierende Frau!!
Mittwoch, 2. Februar 2011
Mündig kommt von Mund - wenn ein Volk nicht länger schweigt
In einem Essay im aktuellen Amnesty International Journal schreibt die wunderbare Schriftstellerin Marica Bodrozic über den Zusammenhang von Sprache und dem Kampf um Freiheit. Ein Zusammenhang, den man in den letzten Tagen anhand der Ereignisse in Ägypten geradezu lehrbuchhaft miterleben konnte.
Sprache, so schreibt Bodrozic, gibt den Unterdrückten die Gelegenheit, „ihre Gedanken auf die Möglichkeit der Freiheit auszurichten.“ Genau das geschieht zur Zeit auf den Straßen von Cairo. Die Hemmschwelle des Denken- und Artikulieren-dürfens ist gefallen, weil es andere vorgemacht haben; die anderen, das sind die unmittelbaren Nachbarn, die, die mitunter dieselbe Sprache sprechen.
Chöre wie „Al Shaab yurid tagheer el nizam“ (Das Volk will eine Veränderung des Systems) schallen zur Zeit laut durch den gesamten Nahen Osten.
Einfache Sprache, verständliche Sprache, Worte, die eine Wut und ein Verlangen und eine Sehnsucht artikulieren, die sich lange angestaut hat.
Was passiert, wenn menschliche Gewalt nicht mehr gegen das Sprachrohr der Tausenden ankommt, konnte man gestern sehen, als Hosni Mubarak zum zweiten Mal seit Beginn der Proteste vor die Kameras des nationalen Fernsehsenders trat und eine weitere Rede hielt, die noch zynischer, noch herablassender in ihrer Wortwahl daher kam als die erste am vergangenen Freitag.
Mubarak spricht langsam, bedächtig, wie ein enttäuschter Vater, der seine Kinder rügt, dass sie sein Auto dreckig gemacht haben. Er spricht davon, wie er nie darum gebeten hat, Präsident zu werden, wie er immer versucht hat, im besten Interesse seines Volkes zu handeln. Er sagt, er werde nicht mehr zur Präsidentschaftswahl antreten, werde Gesetzesreformen einleiten. Lippenbekenntnisse und Hinhaltetaktik, sagt ElBaradei kurz nach der Rede im CNN-Interview.
Hat Mubarak wirklich gehofft, ein Volk so von den Straßen zu scheuchen? Ein Volk, das seit Tagen seinen unmittelbaren Rückzug fordert, mit mehr als eindeutigen Gesten?
Schon während der Übertragung der Rede pfiffen die Demonstranten, warfen Schuhe auf die Übertragungsleinwände und machten ihrem Ärger einmal mehr mit Worten Luft: „Behandle uns nicht wie kleine Kinder!“ - Da hat wohl jemand unterschätzt, wie leicht seine Rhetorik zu durchschauen ist von denjenigen, die das Wort „Freiheit“ erst einmal laut gedacht haben.
Die nächste Konsequenz ist nun heute, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Unter dem Schleier vermeintlich zurück kehrender Normalität – das Internet und auch die Telefonleitungen scheinen über weite Strecken wieder zu funktionieren, die Ausgehsperre wurde gelockert – schickt Mubarak bezahlte Schergen auf die Straßen, vermeintliche Befürworter des Regimes, die mit Gegenparolen, aber auch Waffen versuchen, der neu gefundenen Artikulationsfreude der Ägypter zu begegnen. Es bleibt zu hoffen – und ich glaube ganz fest daran – dass die friedlichen Rufe nach Freiheit und Veränderung sich nicht zum Schweigen bringen lassen, und dass auch dieser neue Versuch nur mit noch lauteren Rufen quittiert wird.
Darüber, welche Schwierigkeiten die westlichen Mächte mit diesem freiheitlichen Sprachduktus haben, und warum sie langsam aber sicher anfangen sollten, die Wörterbücher zu wälzen, bald mehr!
Dienstag, 1. Februar 2011
Acht Tage - Lang Lebe Masr al Azheem!!
Eine ganze Woche ist seit den letzten Blogeinträgen vergangen, eine ganze Woche, in der so vieles, und gleichzeitig viel zu wenig passiert ist. Seit acht Tagen verbringe ich jede freie Minute vor dem Computer und verfolge über verschiedene Kanäle die Situation in Cairo. Seit acht Tagen wechseln sich Hoffnung, Aufregung und die Furcht vor dem, was kommen mag in Ägypten und im gesamten Nahen Osten. Seit acht Tagen versuche ich Freunde in Cairo zu erreichen, und kaum jemand antwortet. Von anderen Freunden weiß ich, dass sie sich mitten unter den tausenden von Menschen befinden und miterleben, wie Geschichte geschrieben wird. Neid einerseits und viel Bewunderung, aber auch Sorge. Natürlich.
Was zur Zeit in Ägypten passiert, übersteigt meine kühnsten Vorstellungen. Vor knapp 9 Monaten noch war ich dort, habe einige Monate dort gelebt, bin jeden Tag spazieren gegangen dort, wo sich heute zwei Millionen Menschen um Panzer scharen, am Midan at-Tahrir, dem Platz der Befreieung. Ein Platz, der mitnichten diesen Namen verdient hat – Platz. Bis jetzt. Bis jetzt war es ein riesiger Kreisverkehr, tagtäglich verstopft von hunderten von Autos. Und jetzt – ein Platz, ein Ort der Versammlung, für hunderte, tausende Menschen.
Die deutsche Presse und die deutschen Medien im allgemeinen haben bei der Berichterstattung der letzten Tage nicht gerade eine Glanzleistung hingelegt. Viel zu spät, viel zu langsam, über weite Strecken nur marginal bis gar nicht informierte Korrespondenten. Kaum eine der Einschätzungen in der letzten Woche ging über vage Aussagen wie „Man kann nicht genau sagen, was jetzt passieren wird“ hinaus. Kein einziger deutscher Sender war live dabei, als Hosni Mubarak am letzten Freitag seine lang erwartete (und dann so zynisch klingende) Rede gehalten hat. Wer das sehen wollte, musste auf den live stream von CNN zurück greifen. Wer informiert sein will hierzulande, griff und greift auf englische und internationale Medien zurück. Al Jazeera streamt nach wie vor live aus Cairo, der britische Guardian hat seit den ersten Stunden des Protests einen hervorragenden Live-Blog eingerichtet, der Informationen aus verschiedensten Quellen zusammen trägt und aufarbeitet. Journalisten vom Guardian sind unter den Demonstranten, liefern o-Töne. Mohamed ElBaradei, einer der größten Hoffnungsträger in Ägypten zur Zeit, gibt sein erstes und exklusives Interview dem wunderbaren Robert Fisk des britischen Indipendent.
Man fragt sich – wo sind die deutschen Medien? Wo die deutsche Außenpolitik? Man sieht keinerlei Haltung, nur Zögern. Woran liegt das?
Das einzige Thema, was sowohl deutsche Politik wie Medien gleichermaßen intensiv aufzugreifen scheinen, ist das Thema „Muslimbrüderschaft“. In der Berichterstattung wird die Angst geschürt, diese Proteste könnten sich ganz leicht in eine Islamische Revolution verwandeln, und die Muslimbrüder warteten nur darauf, die Herrschaft über Ägypten zu übernehmen. All die Bilder, Berichte von Menschen vor Ort und Einschätzungen internationaler Experten sprechen jedoch dagegen. Es heißt, sobald religiöse Parolen in der Menge gerufen werden, bringe man sie zum Schweigen. Die Menschen wollen Freiheit und Demokratie, und sie scheinen sehr genau zu wissen, was das ist. Sie brauchen nicht uns, den arroganten Westen, dem vor Angst schon die Knie schlottern, weil er fürchtet, die „Wilden“ könnten Demokratie mit religiöser Autokratie verwechseln.
Lediglich Stefan Weidner zeichnet sich in seinem Text im aktuellen Qantara Magazin einmal mehr als einer der klügsten und kenntnisreichsten Beobachter des Nahen Ostens aus.
Ich werde weiterhin den Menschen in meinem geliebten Land dabei zusehen, wie sie um ihre Freiheit kämpfen, werde hoffen und mir wünschen, dass dies nicht ein zweiter Iran, ein zweiter Libanon wird, dass Mubarak einsieht, dass seine Zeit vorbei ist und dass dieses starke, stolze und mutige Volk in freien und gerechten Wahlen einen Präsidenten und eine Regierung wählen kann, die seiner würdig sind und es in eine bessere Zeit führt.
Und ich werde weiter hoffen und mir wünschen, dass nicht mehr viel Zeit vergeht, bis ich zurück fahren und wieder über einen mit Autos verstopften Midan at-Tahrir spazieren und mich mit den Menschen in Zamalek, Mohandessin und Agouza unterhalten und die Geschichten von einer erfolgreichen Revolution hören kann.
Dienstag, 25. Januar 2011
Aus alter Liebe
Nach Tunesien scheint sich auch in meiner Wahlheimat Ägypten die Unruhe über die mehr als dreißig Jahre Mubarak-Regime laut breit zu machen.
Die BBC meldet Unruhen im ganzen Land, Demonstrationen von Tausenden. Auf einer Facebook Seite werden die Aktivitäten der Regime-Gegner koordiniert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Social Network im Land der Pharaonen gesperrt wird. Seit Mai schon können die Ägypter über die offiziellen Provider kein Skype mehr nutzen. Aus Kairo ist zu hören, dass seit gut einer Stunde angeblich auch der Nachrichtendienst Twitter geblockt sein soll.
Ich kann nur hoffen, dass sie es schaffen, die Ägypter. Hosni Mubarak gehört längst nicht mehr an eine Staatsspitze. Eine Chance für Mohammed El-Baradei!
Die BBC meldet Unruhen im ganzen Land, Demonstrationen von Tausenden. Auf einer Facebook Seite werden die Aktivitäten der Regime-Gegner koordiniert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Social Network im Land der Pharaonen gesperrt wird. Seit Mai schon können die Ägypter über die offiziellen Provider kein Skype mehr nutzen. Aus Kairo ist zu hören, dass seit gut einer Stunde angeblich auch der Nachrichtendienst Twitter geblockt sein soll.
Ich kann nur hoffen, dass sie es schaffen, die Ägypter. Hosni Mubarak gehört längst nicht mehr an eine Staatsspitze. Eine Chance für Mohammed El-Baradei!
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